Klasse New Genres | Kunstpädagogik, Prof. Tanja Widmann
Kuratiert von Franziska Sophie Wildförster
Short Circuits evoziert unsichtbare Architekturen und Dynamiken, die
den Ausstellungsraum und den Alltag durchdringen–unter unseren
Füßen, in unseren Köpfen, in unseren Begierden, als auch auf unseren
Zungen–und so vertraut sind, dass sie sich dem Bewusstsein oft ent-
ziehen. Wenn Wahrnehmungen fragmentiert und entfremdet, Leben
zunehmend vermessen und vereinheitlicht, tiefes zeitliches Bewusstsein
durch Nostalgie in endlosen Schleifen des Hier und Jetzt ersetzt, und
Visionen der Zukunft von Transaktionen abgelöst werden, erfordert
es–so die Annahme–Unterbrechungen des stetigen Flusses, der Sprache,
Formen, Körper und Erlebtes ungehindert filtert und verwertet.
Die Gruppenausstellung ist eine temporäre Rahmung für unterschied-
liche künstlerische Verhandlungen, die im Dialog mit der Frage, wie
und worin das Politische der Kunst heute zu verorten sei–also Fragen
über den gesellschaftlichen Wert von Kunst, ihre Eigenlogik und Hand-
lungsräume–entstanden sind. Im Bewusstsein darüber, dass das, was wir
als “Wirklichkeit” begreifen und unser Zugang zur Welt, bereits durch
Zeichen, Begriffe und kulturelle Kontexte vermittelt sind, sind Sprache
und Kategorisierungen, in Short Circuits, nicht fixiert oder sichergestellt.
Viele der Arbeiten widerstreben dem Politischen als Referenz und he-
ben stattdessen spezifische Verkörperungen und das, was sich zwischen,
außerhalb und an den Grenzen von Repräsentationen, Formen und ge-
wohnten Wahrnehmungen abspielt, hervor. Die materiellen, räumlichen,
visuellen und unterschwelligen Überschreitungen in Short Circuits ver-
weigern sich fixierten Bedeutungen und setzen stattdessen Störungen
der Syntax und Rahmungen von Erfahrungen selbst in Gang.
Short Circuits geht davon aus, dass Ordnungssysteme und das, was sie
sichtbar machen–auch im Rahmen der Kunst–immer Gefahr laufen, zu
unterbinden, was nicht ihrer Logik entspricht. Ein prägnantes Bei-
spiel ist die Erfindung der Zentralperspektive in der Renaissance, die
den Raum durch rationale und dualistische Parameter definiert und das
Subjekt, dessen Auge und fälschlichen Universalitätsansprüche als Mit-
telpunkt der Welt erfasst. Die Spaltung des Körperlichen vom Visuellen
und die Verdrängung von materiellen Unvorhersehbarkeiten und Über-
schüssen schreitet heute in vielen Bereichen unserer Wahrnehmung fort,
sei es in dem Bedürfnis der restlosen Einordnung von Kunst oder, im
Alltag, in einer automatisierten Spirale von Konsum und Produktion
von entfremdeten und doch verführerischen Strömen von Bildern und
Informationen.
Die vielfältigen Arbeiten in Short Circuits scheinen gemeinsam zu
haben, dass sie versuchen, in die vielschichtigen institutionellen, his-
torischen und materiellen Wechselwirkungen und Widersprüche zwi-
schen den Räumen der Kunst und jenen der Gesellschaft, von welchen
sie geformt werden, durch Kurzschlüsse, Umleitungen und Störungen
im Kreislauf, zu intervenieren. Neben materiellen, räumlichen, affek-
tiven und formalen, sind es auch die zeitlichen Destabilisierungen, die
Entropie (also Unordnung), oft gewaltsam Verdrängtes, Differenz und
auch Fleischliches unter den Systemen und linearen Abfolgen ununter-
brochener Betriebszyklen der techno-kapitalistischen Wertschöpfung
hindurchscheinen und entgleiten lassen.
Die versammelten Arbeiten stehen im Dialog mit der Reihe “Das
Politische der Kunst”, die vom Wintersemester 2024/2025 bis Sommer-
semester 2026 in der Klasse New Genres | Kunstpädagogik in Kollabo-
ration mit Franziska Sophie Wildförster stattgefunden hat.